Ästhetik

In der japanischen Kultur nimmt der Teeweg einen zentralen Platz ein, da sich hier die unterschiedlichsten traditionellen Disziplinen und Künste versammeln: von Gartenbau und Architektur über Keramik, Metall-, Lack- und Holzhandwerk bis hin zu Pinselschrift, Malerei, Kochkunst und Blumengesteck.

Der Teeweg hat eine ganz eigene Ästhetik hervorgebracht, welche die japanische Kultur zutiefst geprägt hat. Sie wird oft mit den Begriffen wabi 侘び und sabi 寂 bezeichnet und bevorzugt das Asymmetrische und Imperfekte, das Schlichte und Unscheinbare, das Erdige, die Patina und Würde des natürlich Gealterten. Sie achtet das So-Sein der verwendeten Materialien und strebt danach, die ihnen innewohnenden Eigenheiten herauszuarbeiten.

Die Teebereitung selbst kann als ein performatives Gesamtkunstwerk betrachtet werden, das in seiner Ganzheit über sich hinausweist. Unter Beachtung der Tages- und Jahreszeit und des Teeraums werden die Teeutensilien, die Schriftrolle, die Anordnung der Blumen und Einzelheiten des Rituals sorgsam ausgewählt und vorbereitet. Beim Ablauf wirken Gastgeber und Gäste dann im Einklang darin zusammen, die festgelegte Choreografie des Ablaufs mit Leben und Bedeutung zu füllen.

 

 

Teeschale

In der Verwendung von Keramik entschieden sich die frühen Teemeister, die Perfektion importierten chinesischen Porzellans mit den wesentlich raueren koreanischen und japanischen Steinzeug und Rakugefäßen abzumildern, deren organisch wirkende Verformungen und einfache Eisen- und Asche(anflug)glasuren sie besonders schätzten.

Wenn Tee bereitet, gereicht und getrunken wird, liegt das Augenmerk naturgemäß auf der Teeschale (chawan 茶碗). Die besten Teeschalen sind unverkennbare Einzelstücke mit eigenem Wesen und persönlicher Geschichte. Sie tragen oft einen Namen, der auf einen historischen Bezug, eine jahreszeitliche Stimmung, ein Gedicht oder einen Zen-Text verweist.

Eine wirklich gute Teeschale vollbringt das Kunststück, bei all ihrer Unregelmäßigkeit und Asymmetrie eine ganz in sich ruhende Gelassenheit und schlichte Vollkommenheit auszustrahlen. Ihre scheinbare Einfachheit entspringt nicht der Unbeholfenheit des Machers, sondern verkörpert den „Anfängergeist“ im Zen: den Zustand naiver, absichtsloser und unerschütterlicher Spontanität, den nur wahre Meister erreichen.

Ein Zen-Wort, in dem der daoistische Ansatz von Laozi und Chuangzi durchklingt, besagt: Die Nützlichkeit einer Teeschale gründet in ihrer Leere.

 

Teeraum

 

Der Teeraum Bōki 忘機 im Museum für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, wurde im Jahre 2000 von japanischen Spezialisten erbaut und in die Ausstellungsräume der japanischen Sammlung integriert. Er hat eine Größe von zehn Tatamimatten (eine Tatamimatte misst ca. 180 x 90 cm und ist die traditionelle japanische Einheit für Raumgrößen). Im angrenzenden Vorbereitungsraum (mizuya 水屋) werden die Gerätschaften für die Teebereitung gewaschen und hergerichtet, in einem weiteren Nebenraum können größere Teeutensilien gelagert werden. Für die winterliche Teebereitung steht eine in den Boden ein-gelassene Feuerstelle für den Wasserkessel zur Verfügung. Die Dekoration der Bildnische (tokonoma 床の間) wird aus Beständen des Museums geschmückt und regelmäßig ausgewechselt. Sie entspricht der jeweiligen Jahreszeit.

 

 

Jahreszeit

Das bewusste So-Sein im Hier und Jetzt zieht nach sich, dass auf dem Teeweg den einzelnen Jahreszeiten große Beachtung geschenkt wird: in Auswahl der Schriftrolle und der verwendeten Teeutensilien, in der Zusammenstellung der Teeblumen, in Form und Farbe der gereichten Süßigkeiten und in besonderen Details des Ablaufs. Auch im Unterricht üben wir immer nur die Formen, die der jeweiligen Jahreszeit entsprechen.