Geist

Ein Gast bat einst den Teemeister Sen no Rikyū, den Gebrauch der Feuerstelle und des Wasserkessels zu erläutern. Er wolle gerne etwas zur richtigen Geisteshaltung und den wesentlichen Punkten der Teebereitung in Sommer und Winter erfahren.

Rikyū antwortete: „Im Sommer strebe danach, ein Gefühl von Kühle zu erzeugen, im Winter eines von Wärme. Lege die Kohlen so, dass sie das Wasser erhitzen, und bereite den Tee so, dass er angenehm schmeckt. Das ist alles.“

Unzufrieden mit dieser Antwort meinte der Gast: „Das weiß doch jeder!“

Rikyū erwiderte: „Wenn dem so ist, dann versuche im Einklang damit zu handeln. Ich werde dein Gast sein und vielleicht sogar dein Schüler werden.“

[So zu lesen im Nanpōroku 南方録. Diese Aufzeichnungen zum Teeweg, einem Schüler Rikyūs zugeschrieben, wurden Ende des 17. Jahrhundert entdeckt, rund 100 Jahre nach dem Tod des Meisters.]

 

 

茶道 Sadō (Teeweg). Pinselschrift von Tachibana Daiki  
立花大亀 (1899-2005), Teemeister und Abt der Nyo-i-an
Teeklause 如意庵 im Daitokuji-Tempel, Kyōto.

 

Geschichte

Das Teetrinken mit seinen Formen wurden von japanischen Mönchen, die Jahre in chinesischen Zenklöstern verbracht hatten, aus dem Song-zeitlichen China nach Japan eingeführt. Dort verbreitete es sich schnell zunächst innerhalb der japanischen Tempel, in der Folge unter den Adligen am Hof, den Samurai und reichen Kaufleuten, dann auch in weiteren Bevölkerungsschichten. Geprägt von der Herangehensweise des Zen, in dem viele alltägliche Handlungen als Formen der Meditation in Bewegung angesehen werden, entwickelten verschiedene Teemeister im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts die noch heute übliche Form der rituellen Teebereitung. Sie verschmolzen dabei buddhistische Versenkungspraxis mit konfuzianischer Etikette und kosmischem Ritus, daoistischer Philosophie des Yin-Yang-Ausgleichs und Shinto-Reinigungsritualen.

Einen vorläufigen Höhepunkt fand der Teeweg unter Sen no Rikyū, dem persönlichen Teemeister Toyotomi Hideoshis, des Kriegsherrn, welcher Japan nach einer gut zweihundertjährigen Periode von Zerrissenheit und Bürgerkriegen mit Waffengewalt wiedervereinte. Rikyū formte den Geist und die Gestalt des Teewegs entscheidend in Richtung auf zen-inspirierte Innerlichkeit und Zurückhaltung. Noch heute berufen sich mehrere japanische Teeschulen, so auch die Urasenke, auf Rikyū als ihren Ahnherrn. Tragischerweise erregte Rikyū 1591 aus ungeklärten Gründen den Zorn Hideyoshis und musste auf dessen Befehl im Alter von 69 Jahren Seppuku (rituellen Selbstmord) begehen.

 

Zen

Obwohl konfuzianisches, daoistisches, shintoistisches und möglicherweise auch christliches Gedankengut in den Teeweg mit einfloss, ist er doch grundlegend vom Zen-Buddhismus geprägt. In der kriegerischen Zeit, in der er entstand, war das Bewusstsein der unentrinnbaren Vergänglichkeit menschlichen Daseins allgegenwärtig. Die Zusammenkunft zum rituellen Teetrinken zelebriert deswegen ganz den jetzigen, unwiederholbaren Augenblick. Im Angesicht unserer Sterblichkeit ist er eine Verneigung vor dem Leben und seiner Schönheit.

Im Einklang mit dem Geist des Zen gibt es im Teeweg kein entrücktes platonisches  Ideal, sondern immer nur ein ganz konkretes Ereignis in der Gegenwart. Teeweg heißt das wache Erleben dieses Momentes in seiner physischen und geistigen Präsenz, nicht die zeitlich oder emotional distanzierte Reflexion darüber. Dabei wird jeder Einzelheit des Ablaufs höchste Beachtung, Sorgfalt und Konzentration geschenkt.

Ein alter Zen-Spruch, der sich oft auf den Schriftrollen in den Bildnischen der Teeräume findet, drückt dies in schlichter Direktheit aus:

一期一会 (ichi-go ichi-e)   —   Jede einzelne Begegnung ist einmalig.

 

Ausrichtung

Der Teeweg 茶道 (Sadō oder Chadō gelesen), auch Chanoyu 茶の湯 (wörtlich: heißes Wasser für Tee) genannt, ist ein geistiger Weg, der durch die Strenge seiner äußeren Form innere Haltung, Präsenz, Achtsamkeit und Konzentration schult. Er lehrt uns, alles, was wir tun, mit Hingabe und ganzem Herzen zu tun. Die Überwindung unseres Ego in der Annahme seiner Formen führt zu einer tieferen Freiheit bar von Selbst- und Geltungssucht. Gleichzeitig bewirkt der Teeweg eine umfassende Sensibilisierung unserer ästhetischen Wahrnehmung.

Der Geist des Teewegs ruht auf vier von Sen no Rikyū formulierten Grundsätzen:

和 wa   —   Harmonie

敬 kei   —   Respekt

清 sei   —   Reinheit

寂 jaku —   Stille

 

Gegenwart

Seit dem 16. Jahrhundert hat sich die Welt grundlegend geändert: wir leben heute in einer vom damaligen Japan völlig andersgearteten Kultur. Wozu dann noch diese alte Formen? Vielleicht, weil wir spüren, dass uns die zunehmende Ruhelosigkeit und Schnelllebigkeit unserer realen, virtuellen und elektronischen Lebenswelten zu überwältigen und fortzureißen drohen. Immer schwieriger wird es, sich dem stetig anschwellenden Sog allgegenwärtiger Zerstreuungen zu entziehen. Doch je lauter der Lärm wird, der uns ständig umgibt, je mehr wir die Welt nur noch durch Bildschirme vermittelt erleben, desto tiefer empfinden wir ein Bedürfnis nach Stille, Sammlung, Hingabe, echter Kommunikation und lebendiger Gegenwart.

Im Getöse des Alltags schafft der Teeweg einen Ruhepunkt, ein bewusstes Innehalten, einen Ort geistiger Reinheit und gemeinsamer Versenkung. Er führt zurück zur Unmittelbarkeit des Lebens hier und jetzt.  

 

 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

喫茶去 Kissako — Trinken wir erst einmal eine Schale Tee!

Pinselschrift von Hasegawa Kanshū 長谷川寛州 (-1985),
Abt des Daitokuji-Subtempels Sangen-in 三玄院, Kyōto